Vita

mathias 2014 ohne Pferd kleinerMein Name ist Mathias Schreiber, ich wurde 1943 in Berlin geboren – als dritter von drei Söhnen des Malers Otto Andreas Schreiber und seiner Frau Irmgard. Meine  Mutter Irmgard Schreiber-Ernst (1915 bis 2009), war eine Berliner Konditorstochter und hat in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kölner Ausstellungen als „naive“ Malerin alltäglicher Sujets – Katzen, Blumen, Gesichter –  auf sich aufmerksam gemacht.  Ihr Mann Otto Andreas Schreiber (1908 bis 1978) ist vor allem bekannt durch seine kunstpolitischen Aktivitäten zwischen 1933 und 1939 – er  gründete die Zeitschrift „Kunst der Nation“ (1933, verboten 1935), zeichnete als Organisator von rund 2 500 „Fabrikaustellungen“  verantwortlich für ein sozialpädagogisches „Volksbildungs“-Projekt des gleichgeschalteten Gewerkschaftsbundes („Deutsche Arbeitsfront“) unter dem heute lächerlich wirkenden Rubrum „Kraft durch Freude“.

In diesen Ausstellungen wurden Arbeiten von expressionistischen Künstlern wie Emil Nolde, Otto Pankok, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff – zusammen mit Bildern regionaler Maler und Bildhauer – gezeigt, von Künstlern also, die draußen „im Reich“ längst als „entartet“ verfemt waren, weshalb ihre Werke reihenweise aus Museen und Kunstvereinen verschwanden. Mein Vater hat seine Parteimitgliedschaft – die ich verurteile – immerhin genutzt, um gegen diese  „völkisch-heroische“ Kunstpolitik zu kämpfen. Deshalb wurde er von NS-Gazetten als „Kunstbolschewist“ beschimpft. Aus Rosenbergs „Kampfbund für deutsche Kultur“ wurde er schon 1933 ausgeschlossen,ebenso aus dem NS-Studentenbund und dem NS-Lehrerbund. Von 1939 bis 1942 war er Soldat, danach wieder tätig für die DAF-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, Abteilung „Truppenbetreuung“. 1944 beantragte er die Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste – er wollte wohl kein Kulturfunktionär mehr sein, nur noch Maler, als solcher brauchte er die Mitgliedschaft, um hochwertige Künstlerfarben erwerben zu können. In der Endphase des Krieges waren seine Figuren-, Landschafts- und Blumenbilder auf mehreren Ausstellungen vertreten.

Seine Grafiken, Gemälde und Aquarelle huldigten lange ländlichen Motiven aus seiner westpreußischen Heimat („Pferde in der Weichselniederung“) und  suchten stilistisch die Vermittlung zwischen Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und später auch abstraktem Konstruktivismus. 1929 hatten sie in der Düsseldorfer Kunsthalle, 1963  im Kölnischen Kunstverein Einzelausstellungen (siehe die Internet-Strecke http://www.otto-andreas-schreiber.de).

Der Prägung durch das Elternhaus und dem Zufall, dass sich gerade eine redaktionelle Vakanz anbot,  ist es zu verdanken, dass ich meine journalistische Laufbahn als Kunstkritiker begann. Von 1968 bis 1974 beim „Kölner Stadtanzeiger“. Ein einjähriges Volontariat bei der „Frankfurter Neuen Presse“ war 1967 vorausgegangen. 1975 übernahm ich bei der Kölner Zeitung die Leitung im Kulturressort,  bis 1982 schrieb ich dann auch etliche Artikel über literarische, philosophische und kulturpolitische Themen – etwa über Peter Handke, Michail A. Bulgakow und Max Horkheimer, über den Kampf um die Gesamtschule oder die Kölner Museumspolitik im Zeichen der Dominanz des Fabrikanten Peter Ludwig. In dieser Kölner Zeit betreute ich unter dem Pseudonym „Philipp Rehbiersch“ sechs Jahre lang die Literaturseiten – jedesmal mit Erstdrucken rheinischer Autoren – der monatlich publizierten Kulturzeitschrift „Neues Rheinland“, die vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben wurde. Als in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die Arbeitsbelastung durch die Tageszeitung überhand nahm, übernahm der Literaturkritiker Heinrich Vormweg diese Aufgabe, aber er verzichtete auf die regelmäßige Kolumne, mit der ich die abgedruckten Gedichte und Erzählungen einzuordnen versucht hatte.

1982 wurde ich Feuilletonredakteur in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zuständig für die redaktionelle Koordination, inhaltlich dann für Städtebau- und Architekturthemen, aber ich konzipierte auch Besonderheiten wie die Porträtreihe „Unbekannte Bekannte“ – das waren etwa Autodesigner oder Redenschreiber – und verfasste beinahe wöchentlich eine aktuelle Glosse zu einem Thema meiner Wahl,  von der Inflation des „Hallo“-Sagens bis zum „Fall Raddatz“ (Kürzel: „m.s.“, nach dem Vorbild von „g.r.“, dem geschätzten Kollegen Günter Rühle). Von 1988 bis 1991 war ich verantwortlich für die legendäre Wochenend-Beilage der FAZ – „Bilder und Zeiten“.

Im Juni 1991 wechselte ich zum „SPIEGEL“ nach Hamburg, wo ich 14 Jahre, zusammen mit Dr. Martin Doerry und später auch anderen  Kollegen, das Kulturressort geleitet habe.  1991/92 waren wir unter anderem befasst mit der Stasi-Verstrickung diverser angesehener DDR-Schriftsteller. 2005 wurde ich in diesem Ressort Autor, ich schrieb mehrere SPIEGEL-Titelgeschichten. 2009 wurde ich pensioniert und lieferte seitdem als freier Autor regelmäßig Beiträge für das Tochterheft „SPIEGEL Geschichte“ (zum Beispiel in Heft 3/2014 über das Revolutionsjahr 1848 den Aufsatz über den deutsch-dänischen Krieg um Schleswig, in Heft 6/2014 über „Die Bibel“ das Porträt „Gottes Zeuge – Mose“ – das Heft erschien 2016 bei der DVA als Buch; in dem Heft „Aufstieg und Fall der Republik Rom“ (5/2015) gibt es aus meiner Feder ein Portrait des knorzigen Sittenwächters Marcus Porcius Cato; in dem Heft „Das Reich der Deutschen – 962 bis 1871: Eine Nation entsteht“ (3/2016) findet sich von mir ein Portrait des patriotischen Humanisten und Hitzkopfs Ulrich von Hutten (1488 bis 1523). Seit 2008 veröffentlichte ich fünf ideengeschichtliche Sachbücher, zuletzt das vor allem zeitkritische Buch „Würde. Was wir verlieren, wenn sie verloren geht“ (Deutsche Verlagsanstalt/SPIEGEL Buchverlag 2013; als Goldmann-Taschenbuch 2015) sowie die essayistische Studie „Verräter. Helden der Finsternis von Judas bis Snowden“ (Zu Klampen Verlag 2017).

Neben diesen und früheren Sachbüchern (siehe auch Wikipedia-Biografie) veröffentlichte ich seit 1967 auch drei Gedichtbände. Die Vorbereitung des ersten – „Ein Steinbock steht im Zimmer“ (Luchterhand Verlag 1967) – war der Anlass für meine erste USA-Reise: Ich wurde 1966 zur Tagung der  Autorenvereinigung „Gruppe 47“ in Princeton eingeladen, wo ich mehrere Gedichte vortrug, zu denen sich in der anschließenden Debatte unter anderen Walter Höllerer, Hans Magnus Enzensberger und Marcel Reich-Ranicki (kritisch) sowie Günter Grass und Erich Fried (zustimmend) äußerten. Die Princeton University hat den Tonband-Mitschnitt der gesamten Tagung mittlerweile ins Internet gestellt. Nach der Tagung finanzierten die amerikanischen Gastgeber für einige jüngere Autoren eine Rundreise durch die USA; an meine Besuche in Jazz-Lokalen in New Orleans und San Francisco habe ich besonders farbige Erinnerungen.

Jörg Magenau hat 2015 das Buch „Princeton 66 – Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47“ veröffentlicht, es tauchte 2016 sogar auf der SPIEGEL-Bestsellerliste auf. Magenau schildert die Tagung so hautnah, als sei er dabei gewesen – er war 1966 fünf (5!) Jahre alt. Nachdem er meinen Auftritt dort kurz erwähnt hat, meint er: „Schreiber würde dort (im Luchterhand Verlag) bald einen ersten Gedichtband vorlegen“. Ein paar Zeilen später heißt es abfällig: „Nicht jeder, der hier las, war deshalb schon ein Schriftsteller…Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet, pflegte Lettau zu sagen. Denn es nützt dieser Person nichts, bloß ein einziges Buch geschrieben zu haben und womöglich auch noch einen Lyrikband, das kann jeder.“ Das kann jeder?  Was ist mit Gottfried Benns Bemerkung, sechs gute Gedichte reichten für ein Werk, das bleiben soll? Der expressionistische Lyriker Jakob van Hoddis hat sich letztlich mit einem einzigen Gedicht („Weltende“) in die Literaturgeschichte eingeschrieben!

Ich muss wohl froh sein, es auf (bisher) drei Gedichtbände gebracht zu haben. Immerhin: Die erfolgreiche Anthologie deutscher Lyrik  „Der Große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (2000/2008)  enthält drei Gedichte von mir. In mehreren Schulbüchern für den Deutschunterricht werden meine Gedichte „Fließband“, „Landschaft bei Dormagen“, „Naturgedicht“ und „Demokratie“ behandelt. Diese Gedichte sind meist kurz, pointiert, manchmal ins Absurde überdreht, in der Regel aber, so meine ich,  gut verständlich – „Lyrik für Leser“, wie der Literaturkritiker Volker Hage diese Art von Gedichten definiert hat. Im Nachwort zu meinem Gedichtband „Der Maulschellenbaum“ sagt der Lyriker Dieter Hoffmann, meine Gedichte hätten  „à-jour-Elemente, die erfrischen“.

1969 gewann die österreichische Folksong-Gruppe „Milestones“ mit dem Lied „Einmal“ („Einmal wird der Stein der Weisen weich“) den ZDF-Wettbewerb  „Showchance ’69“ – der Liedtext stammt von mir. Ein Gedicht von mir wird gesungen, und das im Massenmedium TV am Samstagabend: ein traumhafter Moment, dem ähnliche mediale Feuerwerke aber nicht gefolgt sind – ein ZDF-Gastauftritt als Kritiker in Marcel Reich-Ranickis Sendung „Das literarische Quartett“ im Sommer 2000 – auf der Hannoverschen Weltausstellung – war davon allenfalls ein schwacher Abglanz. Die Platte mit dem Lied „Einmal“ erschien bei Ariola (unter „Milestones“ ist das Lied über Youtube noch heute zu hören), es folgte eine LP mit weiteren Liedtexten von mir. Ein Vorbild der „Milestones“ war die Gruppe „Peter, Paul & Mary“, die selbst in „Oldie“-Sendern heute meist von „Simon & Garfunkel“ übersäuselt wird, obwohl sie deren Stil nahe steht und mir musikalisch sogar prägnanter vorkommt. Doch ich bin kein Musikexperte, nur ein Liebhaber der „Milestones“ und der Cello-Suiten von Bach.

Aufgewachsen bin ich im deftigen Münsterland (in Vreden, Kreis Borken) und im niederrheinischen Dormagen, wo ich in meiner Freizeit viel auf dem Rhein rudern konnte. Das Abitur machte ich am altsprachlichen Kölner Dreikönigsgymnasium; als Student lebte ich in Bonn, Berlin, Köln und dann wieder Dormagen. Ich schloss mein Studium mit einer literaturtheoretischen Doktorarbeit und dem Staatsexamen für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Deutsch und Philosophie ab. 1967 war ich ein halbes Jahr Visiting Assistent Professor für deutsche Literatur an der University of Texas in Austin. Eingeladen hatte mich Prof. Leslie Wilson, der bei der „Gruppe 47“ unter den Zuhörern war, einige Werke von Günter Grass übersetzt und jahrelang die Zeitschrift „Dimension“ ediert hat.

1979/80 nahm ich an der Universität Köln einen Lehrauftrag für Kulturjournalismus wahr. Ich wurde auf Vorschlag von Heinrich Böll und Wilhelm Unger Mitglied des internationalen PEN-Clubs (da kann man nicht einfach „beitreten“).

Seit 1993  bin ich, in dritter Ehe,  mit Christina Klatte-Schreiber verheiratet – sie ist Ärztin und arbeitet in einer psychiatrischen Krankenhaus-Abteilung;  wir leben in einem niedersächsischen Dorf am Nordrand der Lüneburger Heide. Wir schätzen die Nähe Hamburgs, lieben aber das malerische, quirlige Lüneburg. Mein wichtigstes Steckenpferd ist das Pferd, speziell das Reiten im Wald, am liebsten mit meiner Frau zusammen; das Reiten in der Natur verbindet das Erlebnis von Luft, Licht und Landschaft mit dem Respekt vor dem Tier und verführt Körper und Seele, Mensch und Kreatur zu einem rhythmischen Miteinander. Dieses auch für die Psyche wohltuende Hobby teile ich mit einem alten Freund, dem französischen Essayisten Michel de Montaigne (1533 bis 1592), dessen wunderbare Schriften  – Gourmet-Snobs aufgepasst! – unter anderem süddeutsche Suppen loben. Montaigne hat sich gewünscht, zu Pferde zu sterben.

Nach den Februar-Toden der Eltern und den Toden der Brüder – Bruder Sebastian, von Beruf Versicherungsfachwirt,  starb 2011 in Tschechien, Bruder Jürgen lebte bis 2012 als Bildhauer mit dem Künstlernamen „Gorgonzola“ in Köln – verdüsterten sich meine Tage. Es wurde heller, als ich begann, mich intensiver um den umfangreichen Nachlass des Vaters zu kümmern, wozu ein bewährter Freund der Familie, Prof. Konrad Donhuijsen, entscheidend beigetragen hat.

Dass man gegen vieles von dem, was ich geschrieben habe, Einwände vorbringen kann und wohl auch sollte, weiß ich selbst. Eine meiner gravierendsten  Schwächen: ich verzettele mich leicht, interessiere mich für zu vieles (sogar für die mexikanische Politik), ich lese oft stundenlang Zeitungen und Zeitschriften, auch den Wirtschaftsteil, und tu dies allemal lieber als die hastigen Texte aus dem Internet zu schlürfen – was mir auch passiert. Das heißt wohl: ich verschwende zu viel kostbare Zeit. Ich werde mich hoffentlich bessern, bevor es zu spät ist.